Die weiße Frau

Nach dem Dreißigjährigen Krieg bis anfangs des 18. Jahrhunderts zeigte sich vielen Obbacher eine Spukgestalt, die, weiße Frau die eine Metze in den Händen trug (Eine Metze ist ein altes deutsches Getreidemaß, 37,6 Liter fassend.) Und wer nicht das Glück hatte, das Metzenfräulein mit eigenen Augen zu sehen, hörte den Spuk wenigstens, wenn er zur Geisterstunde am Rathaus vorüberging. Vom Dachboden her war ein eigenartiges Geräusch zu hören, so als ob einer mit einer Metze Früchte oder Getreide ausmesse.

War es Angst oder schlechtes Gewissen, dass immer weniger Obbacher zum Rathaus gingen? Denn einen guten Grund hatte dieser Spuk schon. Und dies ist sogar historisch bezeugt: Vor langer Zeit ging es den Obbacher wegen der schweren, schlechten Böden nicht so gut wie jetzt. Besonders die reichen Gaubauern schauten geringschätzig auf die armen Obbacher" herab und gerade bei denen mussten viele Obbacher im Frühjahr Getreide ausborgen, um es im Herbst doppelt und dreifach zurückzugeben. So blieben auch in guten Jahren die Obbacher arme Bauern. Diese Not erbarmte die Freifrau Margarete von Seckendorf, geborene von Hutten. Sie stiftete im Jahre 1550 ihren Obbacher 150 Gulden, mit der Auflage, dass von den Zinsen den Armen geholfen würde. Und außerdem 100 Malter Getreide (ein Malter je acht Metzen), mit der Bedingung, es jährlich im Frühjahr den Bauern auszuleihen und im Herbst mit nur 1 Metze Aufschlag zurückzugeben und im Rathaus für Notzeiten aufzubewahren. Sollte dies nicht gehalten werden, würde sie der Fluch treffen.

Lange Jahrzehnte ging alles gut, Obbach wäre reich geblieben. Doch in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (es lebten am Ende des Krieges 1648 nur noch 13 Obbacher) wurde alles verludert und vergessen. So musste der Fluch in Erfüllung gehen, und das Metzenfräulein erinnerte jede Mitternacht an die Stiftung der Freifrau und Verpflichtung des Dorfes.

Erst viele, viele Jahre später wurde der Stiftungsgebiet wieder entdeckt. Der damalige Pfarrer Aegidius Stöhr wollte nun Not und Gespenst bannen. Aber freiwillig stiftete niemand Korn und Getreide. Sogar Sophie Amalie von Bobenhausen hätte 10 Malter beigesteuert, aber die Bauern wollten nicht mithelfen. ,,Mein Herr Pfarrer, was hat Er denn vor Bauern, sind sie denn Ochsen oder Esel?", so musste sich Pfarrer Stöhr von dem Grafen Johann Friedrich von Rüdenhausen anreden lassen. Erst in Zusammenarbeit mit dem Schultheißen Hanns Spiegel, der die Gemeindeäcker zum Getreideanbau zur Verfügung stellte, konnten die 100 Malter Getreide zum Schütten auf dem Rathausboden aufgebracht werden. Und das ist nun der Segen, den Gott auf diese Arbeit bescherte. Jedermann erkennt, dass diese Güter viel reichlicher als sonsten getragen.

Seit dieser Zeit wurde auch das Metzenfräulein nicht mehr gesehen und gehört, es hat seine Grabesruhe gefunden.

Woher wir das alles wissen: Im ältesten Obbacher Buch (dem, Grundbuch des Gotteshauses "Opak") hat Pfarrer Stöhr diese Geschichte auf den Einband geschrieben.