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Die Schatzgräber

Vor etlichen -zig Jahren kamen an einem Sommerabend drei Obbacher Burschen bei der alten Dorflinde an der Malbank (beim Pfarrhaus) zusammen. Es wurde vieles durchgehechelt und besprochen. Der eine rauchte seine Pfeife, die andern ihre Zigaretten.
Nach einiger Zeit kam das Gespräch auch auf die noch in der Erde verborgen liegenden Schätze. (Vor einiger Zeit stand da in der Zeitung von einem zufällig gefundenen Schatz. Bei Grabarbeiten an einer alten Hausmauer wurde von einem der dort beschäftigten Arbeiter ein Topf mit alten Gold- und Silbermünzen gefunden). So einen Schatz müssten wir auch finden, dann hätten wir für lange Zeit Geld in der Tasche. Es besaß nämlich keiner von den dreien sehr viel davon.
Da fällt mir etwas ein sagte einer von ihnen. Meine Großmutter hat da neulich meinen jüngeren Geschwistern an einem Abend Märchen und Sagen erzählt. Auch von verwunschenen Schätzen erzählte sie. Ich hörte da so zufällig, wie sie erzählte: ,, . . . und droben im Kützberger Wald, da ist eine Waldwiese und gleich neben dran bei einer Gruppe alter Fichten, da ist ein uralter Brunnen, viele hundert und aberhundert Jahre alt. In dem ist ganz weißes Wasser. 12 Schritte davon, in gerader Richtung auf Obbach zu, da steht eine große alte Eiche. Die Eiche hat zwei beindicke Wurzeln auf den Brunnen zu und zwischen den Wurzeln liegt ein Schatz vergraben. Ich fragte gleich die Großmutter: ,,Warum ist denn der noch nicht gehoben worden?" ,,ja", sagte die Großmutter, den wollten schon viele heben, aber keinem ist es bisher geglückt." ,,Warum denn?" fragte ich. Darauf sagte sie: ,,Wer den Schatz heben will, muss in einer Vollmondnacht punkt 12 Uhr um Mitternacht am Brunnen sein und muss die 12 Schritte bis zur Eiche abschreiten und zwischen den zwei Wurzeln der Eiche nach dem Schatz graben. Er darf keinen Laut von sich geben, auch nicht vor Freude, wenn er mit Pickel und Schaufel draufstößt sonst bleibt dieser weiter verwunschen. Viele haben es schon im Laufe der Zeiten probiert und keinem ist es geglückt, weil ein jeder vor Freude einen Schrei ausgestoßen hat, wenn er darauf gestoßen ist.
,,Wenn das wahr wäre, das wäre eine feine Sache. Wir würden nicht so dumm wie die andern sein und vor Freude einen Schrei ausstoßen. Kein Laut würde aus unserem Mund kommen", sagte der zweite. ,,Wollen wir es versuchen?" fragte der dritte. ,,Es ist in dieser Woche gerade Vollmond, und wenn wir uns nur recht anstellen, müsste die Sache gelingen." ,,Also probieren wir es". Damit war die Hebung des Schatzes beschlossen.
In der Vollmondnacht ging das Kleeblatt so um 11 Uhr nachts den alten Weinbergspfad mit Pickel und Schaufel und Laterne, in der eine Talgkerze steckte, und einem Sack hinaus. Damit ihnen niemand in die Quere käme, wurde dieser Weg gewählt. Dann ging es außerhalb des Ortes auf der Sulzthaler Straße weiter, den Häfnersleitenweg hinaus bis zum Waldeck des Kützberger Waldes, oberhalb vom Nägelessee. Dort geht der Waldweg zur Waldwiese, vorbei an den Hünengräbern. Keiner sprach ein Wort mehr; schon beim Betreten des Waldes waren alle still. Es war ihnen schon ein wenig unheimlich zumute. Der Nachtwind säuselte in den Wipfeln der Eichen. Ab und zu hörten sie den heiseren Schrei einer Waldohreule oder eines Waldkauzes. Am Brunnen angelangt (es war gerade 5 Minuten vor 12 Uhr), legten sie Pickel und Schaufel ab, stellten die Laterne auf den Brunnenrand und zündeten sie an.
Der erste schritt die 12 Schritte in Richtung Obbach ab und traf genau auf die schon erwähnte Eiche mit den zwei mächtigen, weit auseinander klaffenden Wurzeln. Es gab ja noch mehr Eichen ringsum. Die andern zwei trugen Pickel und Schaufel und Laterne und Sack nach. Sogleich fingen sie zu graben an. Es musste ja in der Zeit von 12 bis 1 geschehen. Die am Boden stehende Laterne verbreitete einen gespenstischen Schein. Der Schweiß floss schon in Strömen von der Stirn des jeweilig Grabenden, vor lauter Hast und Gier und Aufregung. Ein jeder dachte schon darüber nach, wie groß wohl sein Anteil am Schatz sein könnte. Sie hatten schon ein ganz schönes Loch gegraben. Auf einmal fuhr der Pickel wieder herunter und zugleich hörten sie alle ein Klirren und Klingen, wie wenn der Pickel auf Eisen gehaut hätte. (Es sollte eine eisenbeschlagene Truhe aus der Schwedenzeit dort mit Gold- und Silberstücken vergraben sein). Wie aus einem Munde erscholl der Schrei: ,,Jetzt ham mer nä". Noch ein kräftiger Schlag und ein Ruck mit dem Pickel und es kam - ein großer Kalkstein zum Vorschein! 
Einer schaute den andern an und keiner sagte ein Wort, bis sich endlich der Bann löste. ,,0, hätten wir doch unsern Mund gehalten", sagten sie. So bleibt der Schatz weiter verwunschen, bis sich einer findet und keine Silbe sagt, auch wenn er meint, jetzt hätte er den Schatz. Mit hängenden Köpfen schlichen die drei Getreuen nach Hause. Von der Schatzgräberei wurde niemals mehr gesprochen.


Moral dieser Spinnstubengeschichte: So ist das Leben.

(Skizzen aus einem unterfränkischen Dorf von Friedrich Löblein)