Konzertbesprechung im
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20.11.2001

Nachtmusik einmal anders

Der Schweinfurter Kammerchor in der Rathausdiele

Schweinfurt "Wir singen noch ein Stück aus dem Programm, das wir eigentlich
besser können, als Sie es vorhin gehört haben", so Chorleiter Udo Baake vor der
zweiten Zugabe des Schweinfurter Kammerchors in der Rathausdiele. Da ahnte das
aufmerksame Publikum schon, welcher Beitrag nun kommen sollte: John
Sheppards polyphon gehaltenes "In Pace", diesmal in einer geschliffenen
Darbietung.

Dass das etwa 25-köpfige Ensemble überhaupt ein hohes Maß an Selbstkritik
besitzt, hörte man überall heraus. Zumal der Kammerchor es sich nicht leicht
gemacht hat mit der präsentierten vielseitigen Bandbreite aus Strophenliedern und
Madrigalen, die Schlaglichter auf vier Jahrhunderte anspruchsvolles
Chormusikschaffen wirft.

"Nacht und Natur", "Nacht und Liebe" sowie "Nacht und Religion" wurden besungen,
wobei Thomas Kerzel den literarischen Part übernahm und mit ausgewählten,
ansprechend sonor rezitierten Versen die jeweilige Stimmung umriss.

Und der Chor? Er zeigte sich in Spitzenform. Insgesamt überzeugte er mit einem
runden ausgewogenen Ensembleklang, der flexibel war im Interpretieren von
romantischen Sätzen wie Max Regers "Der Mond ist aufgegangen" oder
"Waldesnacht" von Johannes Brahms. Da wurde jede Strophe für sich gestaltet und
trotzdem die Stimmung, die über dem ganzen Lied lag, einheitlich wiedergegeben.

Auch Hugo Distlers "Ein Stündlein wohl vor Tag" profitierte vom plastischen
Gestaltungswillen des Kammerchors, der übrigens nicht nur überzeugte mit
präsenten, klar und gradlinig geführten Stimmen, sondern auch mit deutlicher
Aussprache. Stimmlich überfordert wirkte lediglich der dreistimmige Frauenchor a
cappella bei "Ich hab die Nacht geträumet". Letztendlich ging alles gut, doch der
Zuhörer drückte bei hohen Passagen extra die Daumen.

Der Chorleiter ging sehr überlegt an die Werke und mit dem Chor souverän um. Er
verhalf durch auflockernde Gesten zu sauberer Intonation. Mit seinem
ungezwungenem und präzisem Dirigierstil nahm er dem Chor jegliche Steifheit. Er
lockerte insgesamt die Stimmung auf und sorgte gerade bei den strengen barocken
Sätzen wie "Come, Heavy Sleep" von John Dowland oder Henry Purcells
Nachtszenen aus "The Fairy Queen" für eine lebhafte und differenzierte Deutung.
Dagegen feilte er bei den neueren Sätzen wie "Evensong" von Laurence A. Hughes
und Sir George Dysons "To Music" in erster Linie an den Klangelementen, was dem
Hörer eine moderne Form der Nachtmusik vermittelte. Ein passender Kontrast.

Insgesamt gefiel der unmittelbare Zugang des Chors zu den Werken, die Gyöngy
Erödi auflockerte mit zwei Sarabanden für Cello von Johann Sebastian Bach.
Alexander Ristivojevic war am Flügel ein zuverlässiger Begleiter, der auch ein
Andante von Franz Schubert beisteuerte.

Von unserer Mitarbeiterin Heike Aengenheyster-Blum