Carl Spitzweg:

"Der abgefangene Liebesbrief"

(gemalt etwa 1860)

spitzweglb.jpg (19563 Byte) Eine Bildbetrachtung
(Diavortrag)
von
Wiltrud Wößner

zu den Konzerten des
Schweinfurter Kammerchores
am 30.9. und 11.11.2000

Porträt: Spitzweg
Spitzweg war ein sehr genauer Beobachter. Er ist hier gemalt als junger Mann, als fertiger Apotheker, der seine Examina in München mit dem Prädikat "ausgezeichnet" abgelegt hat. Er lebte von 1808 bis 1885, sein Leben umfasst also einen Großteil des 19. Jahrhunderts. Wenn wir aber den Begriff "Spitzweg-Zeit" verwenden, meinen wir eine viel kleinere Epoche, nämlich die Epoche des Biedermeier, die man ungefähr ab 1815 bis spätestens 1848 ansetzt.

"Der abgefangene Liebesbrief", Totale
Als "typischen Spitzweg" in diesem Sinne wird man das Bild "Der abgefangene Liebesbrief" empfinden, das Spitzweg um 1860 herum gemalt hat. Mit diesem Entstehungsdatum begegnen wir einem entscheidenden Punkt: Spitzweg malte nämlich Situationen einer für ihn längst vergangenen Epoche und er betrachtete diese Epoche des Biedermeier durchaus distanziert, mit beißender Kritik, aber auch mit menschenfreundlichem Humor. Er verwendete auch diese Biedermeier-Metaphern, um auf Missstände seiner eigenen Zeit aufmerksam zu machen. Wichtig ist für uns: Das romantische Lebensgefühl vom Beginn des Jahrhunderts, etwa eines Eichendorf, war nicht mehr sein eigenes. Er war in seiner Hauptschaffenszeit kein Biedermeier-Maler, sondern ein Betrachter des Biedermeier wie wir auch. Es lohnt sich, näher in diese Bilder einzudringen, in denen Spitzweg oft sehr hintergründige Aussagen versteckt hat.

Was sehen wir? Wir sehen eine Szene, die sich zwischen dem obersten und dem darunter liegenden Stockwerk eines Hauses abspielt. Wie viele Stockwerke noch darunter liegen, wo sich der Erdboden befindet, das sehen wir nicht.

Und der Beobachter befindet sich gegenüber der Szene in gleicher luftiger Höhe, wahrscheinlich auf der anderen Straßenseite. An der perspektivischen Konstruktion ist zu sehen: Das Auge des Beobachters befindet sich in gleicher Höhe wie die Oberkante des weißen Fenstersturzes rechts. Keine der beobachteten Personen bemerkt den Beobachter. Er steht vielleicht hinter der Gardine und denkt beim Überschauen der Situation auf gut Münchnerisch: "Au weh!" Vielleicht hat er Mitgefühl, vielleicht ein bisschen Schadenfreude, vor allem Neugier, wie das ausgeht. Denn noch ist der Liebesbrief ja nicht abgefangen, er wird nur – entsprechend entsetzt – vom Anstandswauwau, sei es die Mutter, sei es die Tante des jungen Mädchens, gesichtet. Spitzweg, der ein guter Laienschauspieler war, hat oft solche "Theaterszenen" gemalt. Man hat mal gesagt, er sei ein guter Beobachter der "Sich-nicht-beobachtet-fühlens". Vielleicht würde er heute Szenen mit versteckter Kamera drehen. Doch kehren wir zu dem Geschehen zurück.

Dem Titel des Werkes ist zu entnehmen, dass der Brief nicht in den Händen des Mädchens landen wird, denn der junge Mann oben kann ja gar nicht sehen, was sich unten abspielt.

Der Student (Detail)
Ja, ganz so schlau stellt es der Herr Student auch nicht an. Betrachten wir ihn uns mal genauer. Dass es ein Student ist, zeigt seine Tracht, er trägt das sogenannte Cerevis, ein Käppchen, dem Spitzweg ein verschossenes Rot mitgibt, der Überrock ist blau. Rot ist die Farbe der Liebe, aber wie gesagt bei unserem Freund ist sie ein wenig gedämpft. Die Farben rot und blau treten bei ihm und auch bei seiner Angebeteten auf, wie wir nachher noch sehen werden. Der Student ist der Einzige, der sich hier in dieser engen Welt aus dem Fenster lehnt und der von der Sonne beschienen wird. Er ist ja auch der Aktive und der Handelnde. Doch allzuweit ist es mit seiner Aktivität nicht her: Unannehmlichkeiten möchte er lieber ausweichen, denn immerhin stützt er sich auf ein Fensterkissen, bequem möchte er es trotz allem haben.

Was er im Sinn hat, ist aber nicht leichtfertig. Die Kakteen, mit denen sich bei Spitzweg so gerne die Junggesellen einfrieden, hat er zur Seite geräumt. Sein Schlagschatten deutet zum einen auf die turtelnden Tauben hin,

Rechte Bildseite, größerer Ausschnitt (Detail)
und zugleich auf das große Sammelgefäß, in das zwei Dachablaufrohre führen. Auf dem einen davon sitzen die Tauben. Wir können das Gefäß sicherlich als Hafen der Ehe deuten, aber das Ablaufrohr führt, wie Sie sehen, in ein ungewisses Abwärts.

Rechte Bildseite, engerer Ausschnitt (Detail)
Und löcherig ist dieser Hafen auch, wie die Detailaufnahme zeigt. Die Prognose, die Spitzweg dem Vorhaben des Studenten gibt, ist – so oder so – nicht gut.

Schauen wir uns nun das junge Mädchen an: Wieder hier die Farben rot und blau. Das blaue Kleid schildert ihre Trägerin als rechtschaffen, treu. Sie handarbeitet irgendetwas: ein weißer Stoff - Farbe der Reinheit – bauscht sich am Fenster auf der roten Tischdecke. Vor dem Fenster erblüht eine Rose und die krakenartigen Arme des Schlangenkaktus hängen schlaff und braun herunter.

Genau wie dem Studenten das Taubenpaar zugeordnet ist, hat auch das junge Mädchen von Spitzweg einen interpretierenden Gegenstand zur Seite gestellt bekommen. Es ist der Vogelkäfig. Man hat ihn zwar in die Sonne gestellt, aber der Vogel bekommt nicht viel davon ab, er sitzt im Finstern und die Gitterstäbe sind eng.

Fenster (Detail)
Die Gitterstäbe vor dem eingesperrten Mädchen, das übrigens keine Notiz von Brief oder Aufpasserin nimmt, sind die Blicke des Wachpersonals.

Wenden wir uns der "Tante" zu, ich nenne sie mal so. Das übergroße schwarze Kreuz auf der flachen Brust deutet Bigotterie an, und die zum Zusammenschlagen bereiten Hände stecken in Handschuhen. War sie vielleicht in der Kirche gewesen und früher zurückgekehrt, als der Student vermutet hat? Ihr offener Mund, die hochgerissenen Augenbrauen, die erhobenen Hände – alles das drückt ein Entsetzen aus, das in keinem Verhältnis zu der harmlosen Tatsache eines einschwebenden Briefleins zu stehen scheint. "Welche Impertinenz" scheint sie zu rufen, der "Herr von oben" sucht Kontakt zu der erblühten Rose! Das Kleid der Tante ist braun und erdfarben. Nur am Haubenband und an der Gürtung ist ein wenig "Grünspangrün" zu sehen. Soll die Farbe an den fortgeschrittenen Oxydationsprozess erinnern, der mit der Tante bereits vorgegangen ist? Vor ihr rankt sich im Blumenkasten Efeu, der ja in dieser Üppigkeit vorzugsweise alte Mauern ziert.

Interessant ist die großblättrige Pflanze ganz links im Blumenkasten. Sie könnte eine Zimmerlinde sein oder ein Geißblattgewächs. Beides wäre nicht schmeichelhaft für die aufpassende Tante. Möglich wäre auch eine Sonnenblume, freilich ohne Blüte und mit Blättern voll mit bräunlichen Flecken.

Die Tante hat natürlich auch einen Gegenstand zugeordnet bekommen. Oben rechts sieht man die Blechtafel der Feuerversicherung "Phoenix". Einer Versicherung ist es immer lieber, wenn es nicht brennt. Und genau diese verhindernde Funktion hat die Tante!

Totale
Betrachten wir noch einmal das ganze Bild, das im Original 54 cm hoch und 32 cm breit ist.
Wir sehen die schwebende Szene, die von einem Unbemerkten beobachtet wird. Wir ahnen mehr als wir es sehen: die Enge der Kleinstadt, das Eingesperrtsein in Mauern. Das kleine Stückchen Himmel ist wie ein Gruß aus unerreichbarer Ferne und Weite. Dann der unmögliche und alsbald verhindert werdende Versuch des jungen Mannes zur Kontaktaufnahme. Drei Menschen ohne Blickkontakt. Die Gedanken des jungen Mannes und der Tante sind im Bilde ablesbar, die der jungen Frau nicht. Sie duckt sich auf ihre Arbeit, konzentriert oder nur scheinbar konzentriert? Der Käfig ist ihr zugeordnet, nicht nur jetzt, auch ihr ferneres Leben wird nicht frei sein. Sie wird weiter in der Enge und dem Beobachtetsein der Kleinstadt leben, und auch der Hafen der Ehe ist brüchig und führt irgendwohin abwärts ins Dunkel. Denn der kleine blonde Spießer aus dem Obergeschoss ist letztlich auch keine berückende Zukunftsperspektive.

So hat dieses Bild bei allem vordergründigen Humor und der malerischen Leichtigkeit doch einen ernsten, ja sogar ein wenig pessimistischen Hintergrund. C’est la vie , möchte man sagen. Spitzweg’sche Bilder haben – wie alle große Kunst – mehrfache Bedeutungsebenen. Ihre rasch zugängliche erste Ebene besagt nicht, dass die Hintergründe fehlen. Es lohnt sich, sie zu suchen.

 

© Wiltrud Wößner 2000

Kontakt zur Autorin über Thomas Kerzel
Die Detailaufnahmen standen nur im Diavortrag zur Verfügung.
Ein besonderer Dank an Ronny Jahn, der auf seinen Spitzweg-Seiten http://www.spitzweg.de neben umfassenden Informationen auch eine Galerie mit 155 Spitzweg-Bildern bereitstellt, aus der die hier verwendeten Abbildungen stammen.

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