Carl Spitzweg:

"Dirndl und Jäger"

(gemalt um 1880)

spitzwegdirn.jpg (14840 Byte) Eine Bildbetrachtung
(Diavortrag)
von
Wiltrud Wößner

zu den Konzerten des
Schweinfurter Kammerchores
am 30.9. und 11.11.2000

Dirndl und Jäger, Totale
Ich möchte Sie nun im zweiten Teil des Konzerts, ehe wir uns den Gartenliedern der Fanny Hensel-Mendelssohn zuwenden, mit einem Spitzweg-Bild bekannt machen, das diesen Maler nicht nur als großen Kenner des Menschlichen, manchmal auch des Allzumenschlichen ausweist, sondern auch als ganz hervorragenden Landschafter.

Es ist das um 1880 gemalte Bild "Dirndl und Jäger", das unter ganz verschiedenen Titeln auftritt: Manchmal heißt es auch "Sennerin und Jäger", manchmal "Vorüber" und ein sehr hübscher, weil augenzwinkernder Titel ist "Nix is’ ". 1880 war Spitzweg ein anerkannter Maler, wenn er auch noch nicht den Weltruhm hatte, den er posthum etwa ab 1900 erhielt. Er war 72 Jahre alt . Wenn sich auch ab 1880 zunehmend Gesundheitsprobleme bemerkbar machten, resignierte er nicht, er feierte nach wie vor gern und machte sich über seine Gesundheitsprobleme sogar ein wenig lustig. Er dichtete:

Der Sommer ist schon längst herum,
längst fielen alle Ähren.
Doch bitt ich untertänig drum,
s’mög noch ein Weil’ so währen.

Und dieses Bild vermittelt nach meinem Eindruck die positive Grundstimmung, die Spitzweg erfüllte, sehr gut. Freilich ist es nicht ohne ernsten Hintergrund. Schauen wir es uns ein wenig genauer an.

Personen näher (Detail)
Auf einem schmalen, steil ansteigenden Pfad im Hochgebirge schreitet eine junge Frau auf uns zu. Sie hat die stolze Haltung aller Frauen, die auf dem Haupt eine Last transportieren. Was getragen wird, wissen wir nicht, die flache Korbschale ist abgedeckt mit einem hellen Tuch, so scheint es mir. Die rechte Hand trägt einen Steinkrug, die Linke ist in die Hüfte gestemmt und rafft dabei den Oberrock, damit er beim Steigen nicht stört. Wir sehen einen dünnen Unterrock, der die Beine der jungen Frau durchschimmern lässt. Die Frau hat die Augen niedergeschlagen und schaut vor sich auf den Weg,

Vordergrund (Detail)
und das ist gut so, denn der Weg ist schwierig und voller Möglichkeiten ins Stolpern oder gar Stürzen zu kommen. Selbst bei einem kleinen Schwanken würde sie ihre Traglast auf dem Kopf nicht mehr balancieren können. Sie achtet voll darauf, nicht unsicher zu werden.

Beachten Sie die Malweise des Vordergrundes: Spitzweg hatte nicht umsonst in Frankreich die Bilder der Impressionisten studiert. Auch noch als alter Mann war er offen für alles Neue und hat das, was er mit seinem Stil vereinigen konnte, gerne und mit Erfolg angewandt.

Wieder Personen (Detail)
Wir können annehmen, dass die junge Frau genau so ein paar Augenblicke vorher an dem absteigenden Jäger vorbei gegangen ist.

Der Jäger ist ein weißhaariger, älterer Mann. In seinem hageren Gesicht steht ein großer Schnauzbart. Man weiß übrigens, wen Spitzweg da porträtierte. Er gab seinem Jäger das Gesicht des Professors für Mineralogie Franz von Kobell, einem Bruder des Malers Wilhelm von Kobell, mit dem Spitzweg gut bekannt war.

Der Jäger befindet sich bereits tiefer als das Mädchen und sein gesenkter Blick ist angelegentlich auf die Beine der jungen Dirn gerichtet. Was er denkt, ist im bayrischen Titel des Bildes gut beschrieben "Nix is’!" Der alte Mann ist für die junge Frau ohne jegliches Interesse; es ist anzunehmen, dass es für ihn auch mal andere Zeiten gegeben hat und andere Verläufe solcher Begegnungen, aber diese Zeiten sind für den Jäger offenbar vorbei.

Unversehens gerät das Bild in das Spannungsfeld Jugend und Alter; sinnfällig das Aufsteigen der Jugend und das Absteigen des Alters. Jeder von beiden hat einen schwierigen Weg vor sich. Wir sahen vorhin schon die Stolpersteine auf dem Weg der Jugend.

Jäger und Hintergrund (Detail)
Der Abstieg ist aber auch nicht einfach. Es ist ja derselbe Weg, nur in umgekehrter Richtung. Wir sehen die Steilheit des Geländes, rechts stäubt ein Wasserfall.
Die weit unten verlaufende S-Kurve des Weges unterstützt die Tiefenwirkung des Bildes.

Hintergrund (Detail)
Der Talabschluss steht in ungewissem Dunst. Wo gehen wir hin, wenn wir immer weiter absteigen? Der ferne Berghang scheint in einen Gletscher überzugehen, der sich oben mit den Wolken vermengt.

Totale
Kehren wir zur Totale zurück ! Das Thema der Landschaftsmalerei ist die Darstellung des Raumes. Die Perspektive, die bei Architektur von so großem Nutzen für die Raumdarstellung ist, nützt bei Landschaften nur bedingt etwas, zumal wenn man wie hier auf Objekte verzichtet, deren Größe man kennt, wie z.B. Bäume. Die Raumtiefe muss hier fast ausschließlich farblich dargestllt werden, und das ist in diesem Bild hervorragend gelungen. Man beachte die kräftigen, sonnbeschienenen Ockertöne des Vordergrundes, die Gegenlichtgestalt der jungen Frau, deren Gesicht vom Widerschein des hellen Vordergrundes beleuchtet ist, und dann das zunehmende Weicherwerden der Konturen und Farbnuancen, je weiter wir uns dem Hintergrund des Bildes nähern.

Variante "Jäger und Dirndl" (gemalt um 1874/78)
Es gibt in der Sammlung Schäfer noch eine Variante des Themas "Dirndl und Jäger" , etwa 6 Jahre eher entstanden, von dem ich hier einen Ausschnitt zeige. Auch hier haben wir das Thema Raumdarstellung der Landschaft einerseits und die Spannung Jugend und Alter andererseits. Aber wie stark werden noch Gatter, Zäune und Bäume als perspektivische Hilfselemente benutzt! Auch auf den Bezug Aufsteigen der Jugend und Absteigen des Alters wird verzichtet. Das lüsterne Umschauen des Jägers hat den Akzent der Neugier, wie bei der bepackten Sennerin das Übersteigen des Gatters funktionieren wird, und welche Aussichten sich da wohl eröffnen werden. Das Bild bleibt – so hübsch es an sich ist – nach meinem Dafürhalten hinter dem anderen ein wenig zurück.
Variante davon: Sennerin und Mönch

Variante "Mädchen mit Zicklein"
Ein aufwärts steigendes Mädchen mit einer Last auf dem Kopf finden wir auch auf dem Bild "Mädchen mit Zicklein", denn Spitzweg liebte es, von Bildthemen mehrere Varianten in unterschiedlichen Bezügen zu malen. Hier ist die Gestalt seitlich hell beleuchtet und hebt sich durchaus wirkungsvoll vor dem dunklen Hintergrund ab.

Mädchen vom Bild von 1880
Welch malerische Raffinesse zeigt aber doch unser vorhin betrachtetes Bild von 1880! Spitzweg hat sein Leben lang gelernt, studiert und experimentiert !

Er schrieb zu seinem Vergnügen auch kleine Gedichtchen; eines davon will ich Ihnen zum Abschluss noch vorlesen:

Leben ist: die Lust zu schaffen,
anders Leib und Seel’ erschlaffen.
Im Schaffen nur find Freud und Glück,
lass’ keine Müh’ dich reuen!
Und was du schufst, blickst einst zurück,
soll andre stets erfreuen.

© Wiltrud Wößner 2000

Kontakt zur Autorin über Thomas Kerzel
Die Detailaufnahmen standen nur im Diavortrag zur Verfügung.
Besonderer Dank an Ronny Jahn, der auf seinen Spitzweg-Seiten http://www.spitzweg.de neben umfassenden Informationen auch eine Galerie mit 155 Spitzweg-Bildern bereitstellt, aus der die hier verwendeten Abbildungen stammen.

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