Tonbandabschrift Pressekonferenz Karlheinz Stockhausen am 16.9.2001 in Hamburg
(Quelle: Norddeutscher Rundfunk)

johannes schulz, ndr hamburg-welle: Die Ereignisse in den letzten Tagen in New York, wie berichtet, sehen Sie es persönlich? Und vor allem wie sehen Sie dann solche Notizen zur harmonischen Menschlichkeit der Hymnen, die ja auch aufgeführt werden.

Stockhausen: Also - was da geschehen ist, ist natürlich - jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen - das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten, ich meine es kann sein, dass wenn ich Freitag aus LICHT aufführe, dass da ein paar Leute im Saal sitzen, denen das passiert, was ein alter Mann mir gesagt hat vorige Woche am Samstag nach der Aufführung: "Sagen Sie mal, 2 Stunden, da waren doch diese unglaublichen tiefen Klänge, die wie Wolken über uns schwebten und sich bewegten die ganze Zeit, die segelten und dazu dann ganz schnelle Schüsse von anderen Klängen, sagen Sie mal, was ist denn das für ein Orchester? Ich sag: "Gar keins" - "Was - wie haben Sie es denn gemacht, Sie müssen das doch irgendwie machen, wer spielt das, wer hat das gesungen oder gespielt? Ich sag - Niemand - Ja wie denn, Ich sag: Generatoren, Synthesizer, bitte was, da brauchen wir ja gar kein Orchester mehr. Ich sag: Nein. Dann lief er raus, als ob er innerlich im Geiste gestorben wär'.
Ich weiß jetzt nicht was passiert - und es waren mehrere Damen, die dann zu mir kamen: Sagen Sie mal, was haben Sie denn hier? Das ist ein Mischpult - Ja wie geht denn das überhaupt, da kommt das alles raus? Ja. Ja haben Sie auch eine Partitur? Ja. Kann ich die mal sehen? Ja. Damen so zwischen 70 und 80 Jahren, war wahrscheinlich Abopublikum fürs Bach-Festival. Sie standen um mich rum, ich sage: Kommen Sie her, Sie können Noten? Ja, ja wir können Noten. Kann das jemand verstehen, das kann niemand verstehen, man muss das studieren, das war eine Explosion wie für die Menschen in New York. Bumm. Ich weiß nicht, ob die jetzt woanders sind, die da plötzlich so schockiert waren. Also es gibt Dinge, die gehen in meinem Kopf vor sich, durch solche Erlebnisse, ich habe Wörter benutzt, die ich nie benutze, weil das so ungeheuer ist. Das ist das größte Kunstwerk überhaupt, was je passiert, stellen Sie sich mal vor, ich könnte jetzt ein Kunstwerk schaffen, und sie wären alle nicht nur erstaunt, sondern auf der Stelle umfallen. Wir wären tot und wieder geboren, weil sie ihr Bewusstsein verlieren, weil es einfach zu wahnsinnig ist, dass manche Künstler versuchen, doch über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden und für eine andere Welt uns öffnen. Also ich weiß nicht, ob da 5000 Wiedergeburten gibt, aber irgendsowas, es ist unglaublich.

Zwischenfrage Johannes Schulz: Gibt es einen Unterschied zwischen Kunstwerk und Verbrechen?

Stockhausen: Aber natürlich. Das Verbrechen ist es deshalb, das wissen Sie ja, weil die Menschen nicht einverstanden waren, die sind nicht in das "Konzert" gekommen. Das ist klar. Und es hat auch niemand angekündigt, ihr könntet dabei drauf gehen, ich auch nicht, also es ist in der Kunst nicht so schlimm. Aber, was da geistig geschehen ist, dieser Sprung aus der Sicherheit, aus dem Selbstverständlichen, aus dem Leben, das passiert ja manchmal so poco a poco, auch in der Kunst oder sie ist nix.
.... Sie sind ganz ernst auf einmal, da hat er mich hingebracht - Luzifer.
Sind sie Musiker, selbst Musiker?

Antwort Johannes Schulz: Nein.

Stockhausen: Na ja, ist es nicht ungeheuer, was mir da eingefallen ist auf einmal? Ist ja irre. Ich hab ja gesagt: zehn Jahre üben, üben für ein Konzert, das muss es sein und dann weg.
Oh, schwere Kost.

(Folgte noch eine Frage von Stockhausen: Habt Ihr nicht was Lustigeres?
Allgemeine Atmo und Uhrenvergleich, Stampa beendet die Pressekonferenz.)

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