| Carl Spitzweg: "Der abgefangene Liebesbrief" (gemalt etwa 1860) |
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Eine Bildbetrachtung (Diavortrag) von Wiltrud Wößner zu den Konzerten des |
"Der abgefangene Liebesbrief", Totale
Was sehen wir? Wir sehen eine Szene, die sich zwischen dem obersten und dem darunter liegenden Stockwerk eines Hauses abspielt. Wie viele Stockwerke noch darunter liegen, wo sich der Erdboden befindet, das sehen wir nicht.
Und der Beobachter befindet sich gegenüber der Szene in gleicher luftiger Höhe, wahrscheinlich auf der anderen Straßenseite. An der perspektivischen Konstruktion ist zu sehen: Das Auge des Beobachters befindet sich in gleicher Höhe wie die Oberkante des weißen Fenstersturzes rechts. Keine der beobachteten Personen bemerkt den Beobachter. Er steht vielleicht hinter der Gardine und denkt beim Überschauen der Situation auf gut Münchnerisch: "Au weh!" Vielleicht hat er Mitgefühl, vielleicht ein bisschen Schadenfreude, vor allem Neugier, wie das ausgeht. Denn noch ist der Liebesbrief ja nicht abgefangen, er wird nur entsprechend entsetzt vom Anstandswauwau, sei es die Mutter, sei es die Tante des jungen Mädchens, gesichtet. Spitzweg, der ein guter Laienschauspieler war, hat oft solche "Theaterszenen" gemalt. Man hat mal gesagt, er sei ein guter Beobachter der "Sich-nicht-beobachtet-fühlens". Vielleicht würde er heute Szenen mit versteckter Kamera drehen. Doch kehren wir zu dem Geschehen zurück.
Dem Titel des Werkes ist zu entnehmen, dass der Brief nicht in den Händen des Mädchens landen wird, denn der junge Mann oben kann ja gar nicht sehen, was sich unten abspielt.
Der Student
(Detail)Was er im Sinn hat, ist aber nicht leichtfertig. Die Kakteen, mit denen sich bei Spitzweg so gerne die Junggesellen einfrieden, hat er zur Seite geräumt. Sein Schlagschatten deutet zum einen auf die turtelnden Tauben hin,
Rechte Bildseite, größerer Ausschnitt
(Detail)Rechte Bildseite, engerer Ausschnitt
(Detail)Schauen wir uns nun das junge Mädchen an: Wieder hier die Farben rot und blau. Das blaue Kleid schildert ihre Trägerin als rechtschaffen, treu. Sie handarbeitet irgendetwas: ein weißer Stoff - Farbe der Reinheit bauscht sich am Fenster auf der roten Tischdecke. Vor dem Fenster erblüht eine Rose und die krakenartigen Arme des Schlangenkaktus hängen schlaff und braun herunter.
Genau wie dem Studenten das Taubenpaar zugeordnet ist, hat auch das junge Mädchen von Spitzweg einen interpretierenden Gegenstand zur Seite gestellt bekommen. Es ist der Vogelkäfig. Man hat ihn zwar in die Sonne gestellt, aber der Vogel bekommt nicht viel davon ab, er sitzt im Finstern und die Gitterstäbe sind eng.
Fenster
(Detail)Wenden wir uns der "Tante" zu, ich nenne sie mal so. Das übergroße schwarze Kreuz auf der flachen Brust deutet Bigotterie an, und die zum Zusammenschlagen bereiten Hände stecken in Handschuhen. War sie vielleicht in der Kirche gewesen und früher zurückgekehrt, als der Student vermutet hat? Ihr offener Mund, die hochgerissenen Augenbrauen, die erhobenen Hände alles das drückt ein Entsetzen aus, das in keinem Verhältnis zu der harmlosen Tatsache eines einschwebenden Briefleins zu stehen scheint. "Welche Impertinenz" scheint sie zu rufen, der "Herr von oben" sucht Kontakt zu der erblühten Rose! Das Kleid der Tante ist braun und erdfarben. Nur am Haubenband und an der Gürtung ist ein wenig "Grünspangrün" zu sehen. Soll die Farbe an den fortgeschrittenen Oxydationsprozess erinnern, der mit der Tante bereits vorgegangen ist? Vor ihr rankt sich im Blumenkasten Efeu, der ja in dieser Üppigkeit vorzugsweise alte Mauern ziert.
Interessant ist die großblättrige Pflanze ganz links im Blumenkasten. Sie könnte eine Zimmerlinde sein oder ein Geißblattgewächs. Beides wäre nicht schmeichelhaft für die aufpassende Tante. Möglich wäre auch eine Sonnenblume, freilich ohne Blüte und mit Blättern voll mit bräunlichen Flecken.
Die Tante hat natürlich auch einen Gegenstand zugeordnet bekommen. Oben rechts sieht man die Blechtafel der Feuerversicherung "Phoenix". Einer Versicherung ist es immer lieber, wenn es nicht brennt. Und genau diese verhindernde Funktion hat die Tante!
So hat dieses Bild bei allem vordergründigen Humor und der malerischen Leichtigkeit doch einen ernsten, ja sogar ein wenig pessimistischen Hintergrund. Cest la vie , möchte man sagen. Spitzwegsche Bilder haben wie alle große Kunst mehrfache Bedeutungsebenen. Ihre rasch zugängliche erste Ebene besagt nicht, dass die Hintergründe fehlen. Es lohnt sich, sie zu suchen.
© Wiltrud Wößner 2000
Kontakt zur Autorin über Thomas Kerzel
Die Detailaufnahmen standen nur im Diavortrag zur Verfügung.
Ein besonderer Dank an Ronny Jahn, der auf seinen Spitzweg-Seiten http://www.carl-spitzweg.de/
neben umfassenden Informationen
auch eine Galerie mit über 185
Spitzweg-Bildern bereitstellt, aus der die hier verwendeten Abbildungen stammen.
Zwei weitere Bildbetrachtungen von Wiltrud Wößner:
Guernica von Pablo Picasso
Der bethlehemitische Kindermord von
Pieter Brueghel
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